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  Birgit Rabisch

Die Vier Liebeszeiten
Leseprobe Seiten 115 - 120

Rena weist Hauke darauf hin, dass das Boot jetzt in dem Gebiet liegt, das auf der Seekarte als Vogelschutzgebiet gekennzeichnet ist: 
Ankern verboten!
Das stört doch keinen großen Geist, findet Hauke mal wieder, doch es gibt einen, den es gewaltig stört. Als das Boot gerade wieder trockengefallen ist, nähert sich ein kleiner Mann in khakifarbenen Shorts. Mit seinen stämmigen Beinen stapft er energisch durchs Watt, bis er vor der Reling der Rubiintje steht und sie grimmig anblickt:
Sie ankern im Vogelschutzgebiet!  
Oh! Hauke gibt sich zerknirscht. Dann ist meine Seekarte wohl veraltet, da ist das noch gar nicht eingezeichnet. 
Rena staunt, mit welcher Gleichmut Hauke den Mann anlügt. Das hätte sie ihm gar nicht zugetraut. Der lässt sich jedoch nicht beeindrucken, erklärt, dass Hauke als Schiffsführer dafür verantwortlich sei, aktuelles Kartenmaterial mitzuführen. Er, als Vogelwart, könne gegen ihn Anzeige erstatten und das werde er auch tun, wenn Hauke bei der nächsten Flut nicht sofort verschwinde. Er würde jetzt gerne mal seinen Ausweis sehn. 
Hauke steigt in die Kajüte hinab, während Rena versucht, den Vogelwart zu begütigen. Sie erzählt ihm von ihrer unruhigen Nacht, ihrer Seekrankheit und dass ihr Mann nur ihretwegen das Boot so nah an die Insel gezogen habe. Der Vogelwart hört sich ihre Worte mit unbewegter Miene an, weicht ihrem Blick aus und lässt seinen kritisch über das Boot wandern. 
Plötzlich hellt sich seine Miene auf. Er wandert zum Heck und betrachtet den Texaco raus aus dem Wattenmeer!-Aufkleber auf dem Außenborder. Als Hauke mit einem Dokument in der Hand aus der Kajüte kommt, strahlt der Vogelwart ihn an: 
Willkommen auf Trischen! Für Gegner der Ölverpester ist hier immer ein Ankerplatz frei!
Hauke ist so verblüfft über den plötzlichen Stimmungsumschwung, dass es ihm die Sprache verschlägt. Er reicht dem Vogelwart wortlos den Pass der Freien Republik Wendland rüber, der gültig ist für das ganze Universum und solange sein Inhaber noch lächeln kann. Damit gewinnt er endgültig das Herz des jetzt gar nicht mehr grimmigen Mannes. 
Kurz darauf sitzen sie in der Kajüte und Rena serviert den Männern Tee mit einem ordentlichen Schluck Rum. Ihr Gast stellt sich vor, heißt Peter Todt und ist im Winterhalbjahr Optiker, im Sommerhalbjahr Vogelwart und ganzjährig ein hartnäckiger Kämpfer für den Naturschutz. Er kämpft gegen die Bundeswehr, die mit ihren Kampfflugzeugen im Tiefflug über die Kolonien brütender Brandseeschwalben hinwegdonnert und dazu noch Granaten in Richtung der Vogelschutzinsel Trischen verballert. Und jetzt muss er auch noch gegen die Pläne Texacos kämpfen, in unmittelbarer Nähe eine Ölbohrplattform zu errichten: 
Wenn da mal was schief geht, dann Gute Nacht! Ich hab jetzt schon Alpträume von ölverschmierten Vögeln, die ich dann in Seifenlauge tauchen darf, damit vielleicht fünf Prozent von ihnen überleben!, ruft er laut aus und Hauke und Rena nicken betreten, während er weiterschimpft: 
Und selbst wenn kein Unglück geschieht, allein der ständige Verkehr der Versorgerschiffe von und nach Friedrichskoog, alles direkt an Trischen vorbei, da kommt kein Vogel zur Ruhe! Nee, go mi an Land!
Er hält Hauke seine Tasse hin, der ihm nachschenkt, nicht mehr Tee mit Rum, sondern Rum mit Tee, doch auch damit ist der Gast bald nicht mehr zufrieden. 
Den Tee kannst ruhig weglassen!, fordert er mit verschmitztem Lächeln und fährt mit seiner Philippika gegen die Bundeswehr und die Ölkonzerne fort. Er kann gar nicht mehr aufhören zu reden, eine Flut von Worten, die sich in den vielen Tagen der Einsamkeit angestaut hat, ergießt sich aus seinem Mund. Erst das Klackern der ersten Wellen gegen den Schiffsrumpf lässt ihn aufhorchen, die Flut kommt zurück und er muss noch einen Priel durchqueren, um zu seiner Hütte zu gelangen. Während er hastig von Bord klettert, lädt er Rena und Hauke für den nächsten Tag zu einem Inselrundgang ein:
Ich hol euch ab! Gummistiefel sind angesagt.
Die sind auch nötig, stellen sie am nächsten Tag fest, denn sie müssen erst mal über Muschelfriedhöfe wandern, bevor sie den bewachsenen Teil der Insel erreichen. Peter Todt jedoch läuft barfuß vor ihnen her, er trage nie Schuhe auf der Insel, erklärt er ihnen, seine Füße seien abgehärtet wie die eines Indianers. Die Brandseeschwalbenkolonie, seinen größten Stolz, zeigt er ihnen nur aus der Ferne, aber bei den Möwen hat er keine Hemmungen. Deren Eier sammelt er  ein, so viele, wie er findet, bohrt sie an, spritzt Salzwasser hinein und legt sie wieder aus. 
Dann brüten die Möwen schön weiter auf den abgestorbenen Küken und machen kein neues Gelege, erklärt er. Wenn ich diese Biester nicht bekämpfen würde, hätten wir hier bald keine einzige Brandseeschwalbe mehr. Und auch keine Küstenseeschwalbe. Die Möwen räubern nicht nur Nester aus, die hacken sogar fast ausgewachsene Seeschwalbenküken tot!  
Er liest zwei angeschwemmte Äste auf und rät Rena und Hauke, sie hochzuhalten. Wozu, das erkennen die beiden schnell, denn die Möwen greifen sie mit furchterregendem Geschrei im Sturzflug an. Peter Todt lacht über Renas unwillkürliches Zusammenzucken:
Keine Angst! Die gehen immer auf den höchsten Punkt. Und das ist jetzt das Stockende und nicht dein Kopf.
An einem Nest bleibt er stehen. Eins der drei Eier darin hat ein Loch an der Spitze, das von einem winzigen Schnabel von innen heraus zügig erweitert wird. Rena würde am liebsten zuschauen, wie sich das Möwenküken aus dem Ei herauspickt, doch Peter Todt mahnt zu Eile, erinnert sie daran, dass sie rechtzeitig vor der nächsten Flut wieder an Bord sein müssen, und er will ihnen doch noch seine Hütte und die Trischenbake zeigen. Rena weiß nicht, welches der  beiden einzigen menschlichen Bauwerke auf der flachen Insel sie urtümlicher, seltsamer, einzigartiger findet. Zuerst erlaubt der Vogelwart ihnen, auf einer Art Hühnerleiter an der riesigen Stahlbake hochzuklettern, bis hinein in die Holzhütte unterhalb des oben und unten spitz zulaufenden Stahleis. Die Hütte ist als Rettungsraum für Schiffbrüchige ausgerüstet: mit einer Holzpritsche, Wolldecken, Notproviant und einem Erste-Hilfe-Kasten. Aber auf die Frage, ob die Bake schon jemals einem Schiffbrüchigen Unterschlupf gewährt hat, schüttelt Peter Todt den Kopf: 
Vielleicht muss ich hier irgendwann mal hoch. Wenn der Wasserstand weiter so steigt!
Doch bisher reicht von März bis Oktober die Holzhütte auf hohen Stelzen, die seine Unterkunft ist. Er hat ihre Standfestigkeit mit Stahlseilen verstärkt, zwischen denen Hühner herumlaufen, die ihm seine Frühstückeier liefern. Er bittet sie hinauf auf seinen Wohnsitz, bewirtet sie in dem engen Raum mit Keksen und liest ihnen aus seiner Inselchronik vor, in der er genau Buch führt über die Vogelbestände, die Pflanzen, die sich angesiedelt haben, die Seehunde und Schweinswale, die hier rasten, und wie viele von ihnen durch Fehlschüsse der Bundeswehr verenden. 
Und über Störenfriede.
Aber euch werde ich natürlich nicht eintragen und auch ihr dürft nichts rumtratschen. Das Bild von mir als unerbittlichem Naturschützer, der alle von seiner Insel verscheucht, muss erhalten bleiben!
Wir geloben Verschwiegenheit, so wahr uns Rasmus helfe!, schwört Hauke und auch Rena hebt die Hand zum Schwur auf den Schutzheiligen der Seefahrer. 
Darauf keinen Dujardin, lacht Peter Todt und schenkt Hauke ein Schnapsglas Küstennebel ein. Rena winkt mit Fingerzeig auf ihren dicken Bauch ab. 
Auf ex!
Haukes Kehle brennt, aber der Küstennebel beeinträchtigt nicht seine klare Sicht auf die Schätze der Inselbibliothek, die Peter Todt ihnen jetzt zeigt. Auf drei selbstgezimmerten Regalen drängen sich neben Sachbüchern über Vögel, Pflanzen und lokaler Geschichte auch viele Romane. Rena entdeckt den Schimmelreiter, aber auch mit Dostojewski, Böll und Dürrenmatt verbringt der Herrscher über Trischen seine einsamen Abende. Beim Sonnenaufgang ist er jedoch immer schon wach und sein erster Gang führt ihn zu dem starken Fernglas, das auf einem Stativ vor einem der Fenster steht. Jetzt darf Hauke es benutzen, und er ist begeistert von dem phantastischen Blick über das Wattenmeer, auch wenn es sich jetzt nicht morgenrotschimmernd präsentiert, sondern als Theodor Storms graues Meer. Er sieht aber auch die herannahende Flut. 
Zeit zum Aufbruch! 
Sie verabschieden sich von ihrem Gastgeber, der sie herzlich zu einem Besuch bei ihrem nächsten Törn einlädt: 
Undercover, versteht sich!



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      Birgit Rabisch

        Die vier Liebeszeiten

     
Verlag duotincta
      Berlin 2016
        2. Auflage 2018
        Roman
        251 Seiten, 17, - Euro
       
        Print: 17,00
        ISBN:
978-3-946086-13-0
       
E-Book: 4,99
        ISBN:9783946086147
      

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